Meine Ausrüstung: Die Weiße Lady – Canon EF 70-200 mm f/2.8 L USM

Canon EF 70-200mm ƒ/2.8 L USM an der Canon 760D

Auf der Suche nach einem offenblendigen Zoom-Objektiv für Portraits und andere Gelegenheiten, bei denen die Kombination aus langer Brennweite und hoher Lichtstärke nützlich ist, hatte ich kurz vor Weihnachten 2016 das Sigma A 50-100 mm ƒ/1.8 ausgeliehen und ausprobiert. Das Objektiv war von der Bildqualität her überragend, aber ich wollte auf jeden Fall auch noch eines der klassischen 70-200 mm Objektive zum Vergleich testen.

Diese Möglichkeit ergab sich nun dadurch, dass ein befreundeter Fotograf ein solches Objektiv – gebraucht, aber in perfektem Zustand – verkaufte. Bei dieser Gelegenheit habe ich direkt zugegriffen und konnte inzwischen einige Erfahrungen damit sammeln.

CANON EF 70-200 mm ƒ/2.8 L USM

Es handelt sich dabei um die Ursprungsvariante des Objektivs ohne Bildstabilisator, die Canon seit 1995 ununterbrochen herstellt. Man erhält es aktuell (August 2017) neu für ca. 1.200,- €; gebraucht wird es je nach Zustand zwischen 600,- € und 800,- € gehandelt. Canon hat zwischenzeitlich zwei Nachfolgemodelle herausgebracht, beide mit Bildstabilisator. Während das erste einige Schwächen bei der Bildqualität offenbarte, gilt das aktuelle EF 70-200 mm ƒ/2.8 L IS ii USM als das Maß der Dinge für diese Objektivklasse. Alternativen gibt es von Sigma und Tamron; insbesondere das neue Tamron SP 70-200 mm ƒ/2.8 Di VC USD G2 hat viel Aufmerksamkeit erregt.

Diese Objektive sind alle für die Verwendung an Vollformat-Kameras konstruiert, wo sie ihre Stärken voll ausspielen können. Das heißt natürlich auch, dass sie vergleichsweise groß und schwer sind. Das kompakte Gehäuse meiner 760D machte einen etwas verlorenen Eindruck, wie es da so am Objektivanschluss hing…

AUSSTATTUNG

Mit dem ‚L‘ bezeichnet Canon seit den 1970er Jahren Objektive, in denen besondere Techniken zum Einsatz kommen, die für geringe Verzerrung, große Bildschärfe und hohe Farbtreue sorgen. Seither hat sich das ‚L‘ zum Synonym für hochwertige Profi-Objektiv entwickelt. Besonders auffällig ist dabei die weiße Farbgebung bei den Objektiven mit langer Brennweite. Da diese primär für die Sport- und Wildtierfotografie gedacht sind, mithin draußen genutzt werden, soll das übermäßige Erhitzung bei starker Sonneneinstrahlung vermeiden.

Für den harten Alltagseinsatz gedacht, ist das Objektiv entsprechend robust gebaut. Das Gehäuse ist komplett aus Metall gefertigt, was mit einem Gewicht von rund 1,3 kg einhergeht, aber auch einen entsprechend stabilen Eindruck vermittelt. Die Ursprungsversion ist allerdings noch nicht wetterfest. Natürlich gehört in dieser Größenklasse eine stabile und verstellbare Stativschelle dazu.

Schalter gibt es zwei Stück: einen für den Autofokus, wobei manuelles Eingreifen in den Fokus jederzeit möglich ist, und einen, um den Fokusbereich einzugrenzen. Es kann zwischen den Bereichen 1,5m – ∞ und 3m – ∞ gewählt werden, wobei ich den Schalter immer auf der ersten Einstellung gelassen habe.

Canon 70-200mm ƒ/2.8 L mit Objektivtasche
Canon EF 70-200mm ƒ/2.8 L USM mit Objektivtasche

Vervollständigt wird das Erscheinungsbild durch die der langen Brennweite entsprechend tiefe Gegenlichtblende. Außerdem gehört noch eine gepolsterte Objektivtasche mit Gürtelschlaufe und Umhängegurt dazu. Das Objektiv ist meinem Empfinden nach eindeutig zu schwer, um es noch am Gürtel zu tragen. Aber mit der Tasche ist es auch beim Transport im Rucksack gut geschützt.

EINSATZ UND ERGEBNISSE

Ein 70-200 mm mit Blende ƒ/2.8 ist der Klassiker zum Fotografieren auf Veranstaltungen und Feiern. Der Zoom gibt einem die nötige Flexibilität, um Personen in ständig wechselnden Entfernungen einzufangen; gleichzeitig erlaubt es die große Offenblende stets, das Motiv vom Hintergrund abzuheben. Wer eine Vollformatkamera besitzt und öfters bei solchen Gelegenheiten fotografiert, für den führt eigentlich kein Weg an einem solchen Objektiv vorbei.

Dass bei diesem Objektiv der Bildstabilisator fehlt, hat mich tatsächlich nie gestört. Dieser verringert das Risiko, dass Bilder unscharf werden, weil man beim Fotografieren mit längeren Verschlusszeiten gewackelt hat. Wenn man Menschen fotografiert, besonders auf Feiern wo erzählt und gelacht wird, treten Unschärfen im Bild allerdings in erster Linie dadurch auf, dass die Leute sich bewegen. Aus diesem Grund muss man die Belichtungszeit eh recht kurz halten. Ich persönlich halte mich an 1/100 Sekunde als Richtwert; in Ausnahmefällen geht auch mal 1/60. Bei den Fotos, die ich am Ende aussortiert habe, war das Verhältnis Bewegungsunschärfe zu Kamerawackeln etwa 9:1.

Für mich mit meiner APS-C Kamera zeigten sich aber auch einige Nachteile. Bei einem Formatfaktor von 1,6 entsprechen die 70 mm am kurzen Ende schon dem Bildausschnitt bei 110 mm an einer Vollformatkamera – und damit kommt man in geschlossenen Räumen kaum noch weit genug weg, um den gewünschten Bildausschnitt einzufangen. Außerdem wird durch den kleineren Sensor mit Blende ƒ/2.8 der Hintergrund natürlich nicht so weichgezeichnet wie beim gleichen Bildausschnitt am Vollformat. Damit ergeben sich gerade bei den zwei Punkten, die eigentlich die Stärken des Objektivs sind, deutliche Abstriche.

VERGLEICH MIT DEM SIGMA 50-100 mm ƒ/1.8

Für eine direkte Gegenüberstellung des Vollformat-Objektivs Canon 70-200 mm ƒ/2.8 L mit dem speziell für APS-C Kameras gedachten Sigma 50-100 mm ƒ/1.8 Art durfte ich wieder einmal in die Schatzkiste meiner Frau greifen. Die Puppe mit dem Kinderkleid war ca. vier Meter von der Kamera entfernt; der Busch im Hintergrund weitere sieben Meter dahinter. Alle Bilder wurden mit der Canon 760D auf einem Stativ aufgenommen; die Fotos zeigen jeweils den vollen Bildausschnitt.

Zum Vergleich die beiden folgenden Bilderreihen mit den Brennweiten, die beide Objektive abdecken: 70 mm und 100 mm. Ich habe mit jeweils ein Bild bei ƒ/2.8 aufgenommen und mit dem Sigma ein weiteres bei ƒ/1.8. Wie zu erwarten, sind die Bilder bei gleichen Einstellungen praktisch identisch. Bei dem Bild mit ƒ/1.8 sieht man dafür den deutlichen unschärferen Hintergrund, den die offenere Blende des Sigma liefert.

Vergleich Sigma 50-100 mm und Canon 70-200 mm bei 70 mm
Vergleich Sigma 50-100 mm und Canon 70-200 mm bei 70 mm

 

Vergleich Sigma 50-100 mm und Canon 70-200 mm bei 100 mm
Vergleich Sigma 50-100 mm und Canon 70-200 mm bei 100 mm

Zum Abschluss noch ein Vergleich der Brennweiten, die jeweils nur ein Objektiv unterstützt: 50 mm bzw. 200 mm. Der Unterschied ist natürlich vor allem bei 200 mm extrem. An einer APS-C Kamera ist diese Brennweite aber nur im Freien – oder wirklich großen Räumen – sinnvoll nutzbar. Hier bevorzuge ich eindeutig den Bereich, den das Sigma abdeckt. 50 mm, das entspricht dem Bildausschnitt bei 80 mm am Vollformat. Damit sind auf deutlich kürzere Entfernungen schon schöne Aufnahmen möglich, und man kommt so auch in engen Räumen wie einem Restaurant zurecht. Für mich ist das der deutlich häufigere Anwendungsfall. Zumal mir die große Offenblende auch noch bessere Ergebnisse bei schlechten Lichtverhältnissen ermöglicht.

Vergleich Sigma 50-100 mm bei 50 mm und Sigma 70-200 mm bei 200 mm
Vergleich Sigma 50-100 mm bei 50 mm und Sigma 70-200 mm bei 200 mm

ALTERNATIVEN

Da das 70-200 mm ƒ/2.8 ein absoluter Klassiker für Event-Fotografen ist, wird es auch von praktisch allen namhaften Herstellern angeboten. Für Canon-Kameras gibt es außer den beiden hauseigenen Objektiven (das „L USM“ ohne, und das „L IS ii USM“ mit Bildstabilisator) noch die Alternativen von Tamron („SP Di VC USD G2“) und Sigma („EX DG OS HSM“). Das Sigma ist das günstigste der vier, kann aber, wenn man den Reviews im Internet glaubt, mit den anderen nicht mehr mithalten. Dasselbe gilt für das ältere Vorgängermodell von Tamrons aktuellem „G2“.

Wer sich für so ein Objektiv interessiert, für den läuft es derzeit auf eine Entscheidung zwischen dem Canon „L IS ii“ und dem Tamron „G2“ hinaus. Das zweite kostet neu so viel wie das erste gebraucht. Von der Bildqualität her scheint es praktisch keine Unterschiede zu geben; dem Tamron wird aber deutliches „focus breathing“ angekreidet. Das heißt, dass sich bei kurzen Entfernungen zum Motiv die tatsächliche Brennweite verkürzt, was auf Kosten des Bokeh geht. Dazu gibt es viele sehr lange Diskussionen im Netz; wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich die (englischen) Videos von Dustin Abbott zu dem Thema. Vom Neupreis her bietet das Tamron aber auf jeden Fall das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn man auf die vollen 200 mm bei kurzem Motivabstand nicht zwingend angewiesen ist.


FAZIT

Empfehlung: Ich habe mich gerade aus verschiedenen Gründen dafür entschieden, bei APS-C zu bleiben. Daher habe ich das 70-200er nun wieder verkauft und mir stattdessen das bereits getestete Sigma 50-100 mm ƒ/1.8 zugelegt. Das deckt einen für mich viel besser nutzbaren Brennweitenbereich ab und lässt zudem deutlich mehr Licht auf den Sensor.

Wer eine Vollformat-Kamera besitzt, oder den längeren Brennweiten-Bereich bevorzugt, der bekommt mit dem alten Canon L USM ohne Bildstabilisator ein robustes und sehr leistungsstarkes Objektiv. Da es nahezu unverwüstlich ist, kann man es guten Gewissens zu einem günstigen Preis gebraucht kaufen.

Was ich gelernt habe: Nur, weil jeder sagt, „das Objektiv ist ein Muss“ oder „weil jeder Profi das hat“, heißt das noch lange nicht, dass es auch das Richtige für mich ist. Ich war jedenfalls froh über die Gelegenheit, beide Objektive (Sigma 50-100 und Canon 70-200) ausgiebig selbst testen zu können. So konnte ich mich so für das entscheiden, das am besten zu meiner Art zu fotografieren passt.

Wer vor einer ähnlichen Entscheidung steht, sollte daher unbedingt die Möglichkeit nutzen, sich ein Objektiv mal für 1-2 Wochen zu leihen und auszuprobieren. Das bringt wesentlich mehr, als das dreiundzwanzigste Review im Internet anzuschauen. Natürlich kostet die Leihgebühr etwas, aber das ist deutlich weniger als man verliert, wenn man sich ein Objektiv kauft, dann merkt das es nicht das Richtige für einen ist und es wieder verkauft.


LINKS

Bildnachweis: alle Bilder eigene Aufnahmen.


BEISPIELBILDER:

Es sind nicht sehr viele, da ich mit dem Objektiv überwiegend auf Feiern fotografiert habe und somit jeweils das Einverständnis aller abgebildeten Personen für die Veröffentlichung benötigt hätte.

Hmmm, lecker - Pfütze!

 

Scherben bringen Glück

 

Wer hat mein Leckerli?

 

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