Im Brennpunkt: der Perspektivenwechsel

Mit verschiedenen Brennweiten durch die Natur

Das kleine Detail oder das große Ganze: Fotografisch lässt sich die Natur aus vielen verschiedenen Perspektiven einfangen. Vor allem der Frühling und der Herbst mit ihrer Blüten- und Farbenpracht und den schönen Lichtstimmungen morgens und abends laden dazu ein, sich die Kamera zu schnappen und raus zu gehen. Egal, ob im eigenen Garten, in der Straße vor dem Haus oder im nächsten Wald – Motive finden sich in Hülle und Fülle.

EIN MOTIV – VERSCHIEDENE PERSPEKTIVEN

Der Vorteil, den eine Kamera mit wechselbaren Objektiven bietet, liegt in der großen Bandbreite an Brennweiten, die einem dadurch zur Verfügung stehen. Bei meiner Canon 760D reicht das inzwischen vom 8 mm Fischauge bis zum 300 mm Teleobjektiv – umgerechnet auf Vollformat entspricht das in etwa 15-480 mm.

Das bietet einen großen gestalterischen Spielraum. Der Klassiker sind natürlich Nahaufnahmen einzelner Blüten, farbiger Blätter und anderer Details. Hier greift Ihr zu einer mittleren bis langen Brennweite, um das Motiv groß ins Bild zu bekommen. Oder Ihr nehmt  gleich ein Makro-Objektiv, wie zum Beispiel das Tamrom 90mm ƒ/2.8 Macro. In dem Bericht dazu findet Ihr auch eine Reihe von Beispielfotos; daher habe ich das Thema Makros hier mal außen vor gelassen.

Magnolienblüte
Magnolienblüte. Hier ging es darum, eine einzelne Blüte zu fotografieren. Die Blende ist auf ƒ/8 eingestellt, um möglichst viel von der Blüte scharf abzubilden.

Ihr könnt aber auch an das andere Ende des Spektrums gehen und eine möglichst kurze Brennweite nutzen, also ein Ultra-Weitwinkel oder gar ein Fischauge. Auch damit könnt Ihr ein einzelnes Objekt groß im Vordergrund abbilden. Der Unterschied zur langen Brennweite ist hier, dass durch den großen Blickwinkel sehr viel vom Hintergrund mit ins Bild kommt und dieser zudem auch nicht so stark verschwimmt. Dadurch wird das Motiv im Kontext seiner Umgebung gezeigt; also nicht nur „einzelne Blüte“, sondern „Blüte am blühenden Baum“. Die beiden Bilder von unserer Magnolie zeigen den Unterschied sehr deutlich.

Magnolie in voller Blüte
Magnolie in voller Blüte. Hier geht es weniger um die einzelne Blüte als darum, den kompletten Baum mit all seiner Blütenpracht zu zeigen. Die Verzerrung durch das Fischauge ist in der oberen Bildhälfte deutlich sichtbar, stört in diesem Fall aber nicht. Durch die kurze Brennweite und Blende ƒ/11 ist praktisch das gesamte Bild scharf.

Ich möchte Euch hier ein paar Gestaltungsbeispiele für die verschiedenen Brennweiten geben, denn: Blumenfoto ist nicht gleich Blumenfoto!

FISCHAUGE & ULTRA-WEITWINKEL

In diesem Bereich habe ich zwei Objektive: Das Samyang 8 mm ƒ/3.5 Fisheye und das Tokina 11-20 mm ƒ/2.8 Ultra-Weitwinkel. Beide bieten einen großen Blickwinkel, so dass Ihr eine Menge mit aufs Bild bekommt. Die kurze Brennweite bedeutet aber auch, dass weiter entfernte Objekte im Bild scheinbar sehr weit weg geschoben werden. Ohne interessanten Vordergrund wirkt ein Bild daher schnell leer und langweilig. Auch der Hintergrund muss mit bedacht werden. Bei so kurzen Brennweiten ist es selbst mit weit offener Blende kaum möglich, den Hintergrund wirklich unscharf zu bekommen, außer man geht mit der Kamera sehr nah ans Motiv. Selbst dann wird der Hintergrund erkennbar bleiben – vor allem beim Fischauge. Jedoch könnt Ihr genau das auch gezielt einsetzen.

Rose im Garten
Rose im Garten. Hier war das Motiv ganz bewusst nicht „Rose“, sondern „Rose in unserem Garten“. Durch die Motivwahl fällt die starke Verzerrung durch das Fischaugen-Objektiv kaum auf.

Hier mal zwei Beispiele dafür: Die Rose oben wurde mit dem Fischauge aufgenommen und die kleine Blüte unten mit dem Tokina. In beiden Fällen wird klar, was das Motiv des Bildes ist; gleichzeitig bleibt zu erkennen, wo sich dieses befindet. Das Tokina ermöglicht es mit seiner sehr großen Offenblende und bei dem kurzen Motivabstand sogar, den Hintergrund ein wenig verschwimmen zu lassen, so dass sich die Pflanze im Vordergrund besser abhebt. Die Rose im oberen Bild war in etwa gleich weit von der Kamera entfernt; durch die noch kürzere Brennweite und Blende ƒ/8 ist hier jedoch nahezu der gesamte Garten samt Haus im Fokus.

Kleine Blüte im Gebüsch
Kleine Blüte im Gebüsch. Recht versteckt unter einem großen Haselnussstrauch zeigen sich diese kleinen Farbtupfer. Durch die kurze Brennweite kommt viel Hintergrund mit ins Bild; so ist leicht zu erkennen, dass das Foto in einem Garten aufgenommen wurde.

Keine Regel ohne Ausnahme: Natürlich kann man eine kurze Brennweite auch bewusst ohne etwas im Vordergrund nutzen, um die Größe und Weite eines Raumes zu betonen. So geschehen bei der Aufnahme vom Herbstwald unten, für die ich das Fischauge einfach vom Boden aus gerade nach oben gerichtet habe. Die größte Herausforderung war hier tatsächlich, mich so weit zu ducken, dass ich nicht selber auf dem Bild zu sehen bin. Ich habe ein ähnliches Foto auch mit meinem  „Immerdrauf“ Standard-Zoom Objektiv gemacht; das Ergebnis war „Baum im Herbstwald“. Mit dem Fischauge konnte ich den ganzen Herbstwald einfangen.

Herbstwald
Herbstwald. Das Fischauge mit seinem enormen Blickwinkel fängt praktisch den gesamten Wald ein und betont die Höhe der Bäume. Durch die geraden, zur Bildmitte gerichteten Linien fällt der Fischaugen-Effekt hier kaum auf.

STANDARD-ZOOM

Damit ist der „normale“ Brennweiten-Bereich gemeint, den auch die üblichen Kit-Objektive abdecken. Bei APS-C Kameras sind das in etwas 17-50 mm; am Vollformat entsprechend 24-70 mm. Zum Vergleich: Die rückseitige Kamera an Apples iPhone hat, je nach Modell und umgerechnet auf Vollformat, eine Brennweite von 25-30 mm. Das soll aber nicht heißen, dass dieser „Standard“-Bereich langweilig ist – im Gegenteil. Je nachdem ob man einen ganzen Baum, eine Pflanze oder nur einige Blätter ins Bild nimmt, ergeben sich große Gestaltungsspielräume.

Bunter Ahornbaum
Bunter Ahornbaum. Hier sollte der ganze Baum ins Bild, um zu zeigen, dass alle Herbstfarben in ein und demselben Baum auftauchen. Dafür braucht es einen Standard-Weitwinkel; Blende ƒ/8 dient dazu, den Baum durchgehend scharf darzustellen.

Es lohnt sich also, mit Zoom, Blende und Abstand zum Motiv zu spielen; auch oder gerade mit dem Kit-Objektiv. Wichtigster Tipp in diesem Zusammenhang: Perspektive wechseln! Die üblichen Schnappschüsse aus Augenhöhe werden schnell langweilig. Daher, wenn Ihr draußen unterwegs seid: Schaut auch einfach mal direkt nach oben – was ist über Euch? Kniet Euch mal hin und fotografiert den kleinen Pilz, der sich durchs Laub ins Streiflicht der Abendsonne reckt…

Pilz im Wald
Pilz im Wald. Die kurze Brennweite zeigt den Pilz in seiner Umgebung; die offene Blende stellt ihn als Hauptmotive heraus.

Zu den „must have“ Objektiven jedes Fotografen mit einer Spiegelreflex- oder Systemkamera gehört eigentlich das 50 mm ƒ/1.8 –  und zwar aus einem Grund: Preis-Leistungs-Verhältnis. Praktisch jeder Kamerahersteller hat so eines für wenig Geld im Angebot; in der Regel kostet es um die 100,- €. Es ist klein, leicht und vielseitig einsetzbar, was ihm den Beinamen „nifty fifty“ eingebracht hat. An einer Vollformat-Kamera ist es eine Standard-Brennweite, die in etwa dem Blickwinkel des menschlichen Auges entspricht und daher als sehr natürlich wahrgenommen wird. An einer APS-C Kamera entspricht es mit umgerechnet rund 80 mm schon einem leichten Tele-Objektiv.

Das herausragende Merkmal ist jedoch die Offenblende von ƒ/1.8. Die meisten Kit-Objektive haben bei 50 mm eine maximale Blende von ƒ/4 oder ƒ/4,5; das sind 2-3 Blendenstufen Unterschied. Das heißt, dass das „nifty fifty“ nicht nur sehr viel mehr Licht einfängt, sondern auch eine deutlich geringere Tiefenschärfe bietet. Das macht es zu einem beliebten Allround-Objektiv, das auch gerne für Portraits genutzt wird. Warum also nicht mal Portraits von prächtig bunten Pflanzen machen?

Ahornbäume im Herbst
Ahornbäume im Herbst. Bei 50 mm kann man nicht nur ein einzelnes Blatt, sondern einen ganzen Ast im Bild zeigen. Bei Blende ƒ/1,8 kann man ihn dennoch deutlich vom Hintergrund absetzen.
Ahornblätter im Herbst
Ahornblätter im Herbst. Die geringe Tiefenschärfe hilft, den Blick auf die Blätter in der Bildmitte zu lenken.

TELE-ZOOM

In den Bereich der Teleobjektive fällt eigentlich alles ab einer Brennweite von 70 mm aufwärts. Dabei sind im Wesentlichen zwei Klassen von Objektiven zu unterscheiden: einerseits die Tele-Zooms, wie etwa mein Tamron 70-300 mm ƒ/4-5.6, und andererseits Festbrennweiten, insbesondere Makro-Objektive, im Bereich 90-150 mm. Der Hauptunterschied ist, wie nah Ihr mit dem Objektiv an Euer Motiv herangehen könnt. Bei dem zuvor genannten 70-300 mm Zoom-Objektiv ist die kürzeste Entfernung, auf die man noch scharf stellen kann, 1,5 Meter. Beim 90mm Makro-Objektiv sind es 30 Zentimeter!

Das hat natürlich einen großen Einfluss auf die Möglichkeiten, die sich einem zur Bildgestaltung bieten. Dabei gilt: Mit einem Makro-Objektiv kann man nicht nur Makros machen, und mit einem Tele-Objektiv muss man nicht immer weit entfernte Dinge fotografieren. Ihr merkt schon, es geht wieder um das Thema Perspektive.

Blume im Garten
Blume im Garten. Durch die geringe Tiefenschärfe bei 90mm ist trotz Blende ƒ/8 der Boden bereits unscharf.

Bei langen Hecken oder Sträuchern bietet sich zum Beispiel ein „Streifschuss“ an, wie unten gezeigt. Hier kann man die Details der Blüten und Blätter einerseits und die Ausdehnung der Hecke andererseits in einem Bild sehen. In einem frontal aufgenommenen Foto ginge, je nach Abstand, nur eines von beiden. Das funktioniert gleichermaßen in der Horizontalen bei einer Blumenwiese. Kein Makro im eigentlichen Sinne, aber ich mache mir hier die offene Blende und dadurch geringe Tiefenschärfe des Makro-Objektivs zu Nutze, um nur einen schmalen Streifen des Ranunkelstrauchs scharf darzustellen.

Geringe Tiefenschärfe im Ranunkelstrauch
Geringe Tiefenschärfe im Ranunkelstrauch. Bei 90mm und Blende ƒ/2,8 ist nur ein schmaler Streifen im Fokus.

Das nachfolgende Bild habe ich mit dem Tamron 70-300 mm aufgenommen, obwohl ich es bei 92 mm genauso gut auch mit dem Makro-Objektiv hätte machen können. Aber das hatte ich in dem Moment nicht greifbar, bzw. mir war auf dem Foto-Streifzug die durch den Zoom gegebene Flexibilität wichtiger. Der Abstand zu den Blüten entsprach hier der Naheinstellgrenze (1,5 m). Letztlich ist das beste Objektiv für ein Foto immer das, was man gerade dabeihat.

Apfelblüte in der Morgensonne
Apfelblüte in der Morgensonne. Brennweite und Blende helfen hier, die Blüten groß im Vordergrund darzustellen und gleichzeitig durch die unscharfen Blüten im Hintergrund zu zeigen, dass es nur ein Ast eines blühenden Baumes ist.

Natürlich ist es die große Stärke der Teleobjektive, weit entferne Objekte nah heranzuholen. Das erlaubt einem dann eben auch, Details zu fotografieren, an die man, aus welchen Gründen auch immer, nicht näher heran kommt – wie zum Beispiel die Blüten in einer Baumkrone. Auch kann man durch den engen Blickwinkel den Hintergrund stark einschränken oder gar ganz loswerden. Das Bild vom Zierahorn zeigt einen nahezu gleichmäßig gelben Hintergrund aus Bäumen mit gelbem Laub. Wäre ich näher an die roten Blätter herangegangen und hätte eine kürzere Brennweite verwendet, würde man das Haus rechts und die Gartenhütte links mit im Bild sehen, und der Hintergrund wäre eben nicht mehr einheitlich gelb.

Fächer-Ahorn im Herbst
Fächer-Ahorn im Herbst. Wieder helfen das Teleobjektiv bei 300mm und Blende ƒ/5,6, um die Details nah heranzuholen und gleichzeitig die Bäume in Hintergrund zu einer gleichmäßigen gelben Fläche werden zu lassen.

Wie stark der Hintergrund verschwimmt, hängt nicht allein von der Brennweite und der Blende ab, sondern vor allem auch vom Verhältnis der beiden Abstände Kamera – Motiv und Motiv – Hintergrund zueinander. Die beiden Bilder von Zierahorn und Kirschblüten wurden mit denselben Einstellungen aufgenommen, und die Bäume im Hintergrund waren in beiden Fällen in etwa gleich weit entfernt. Jedoch war der Zierahorn sehr viel näher an der Kamera als die Kirschblüten, und folglich sieht man einen deutlichen Unterschied bei der Unschärfe der Hintergründe.

Kirschblüten
Kirschblüten. Mit dem Teleobjektiv auf 300 mm kann man sich die Kirschblüten aus Nachbars Garten ganz nah heranholen. Bei Blende ƒ/5,6 werden die Bäume im Hintergrund gerade unscharf genug, um nicht abzulenken.

FAZIT

Empfehlung: Nun, die Empfehlung ist in diesem Fall ziemlich offensichtlich: rausgehen und ausprobieren!

Was ich gelernt habe: Letztlich ist es egal, welche Kamera und Objektive Ihr habt – interessante Perspektiven lassen sich immer finden. Nah ran, weit weg, von oben, von unten, Weitwinkel, Tele, mal mit, mal gegen die Sonne… Es lohnt sich, einfach mal beim nächsten Spaziergang oder Hund ausführen die Kamera mitzunehmen.


LINKS

Hier noch ein paar YouTube-Videos mit weiteren Inspirationen:

Bildnachweis: alle Bilder eigene Aufnahmen.

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