Meine Ausrüstung: Der lange Arm des Sensors: Tamron 70-300 mm f/4-5.6

Tamron SP 70-300mm ƒ/4-5,6 Di VC USD an der Canon 760D

Als ich mich nach dem Umstieg auf meine Canon 760D mit den passenden Objektiven beschäftigt habe, war von Anfang klar, dass auch wieder ein Teleobjektiv zur Ausrüstung gehören sollte. Zwar nutze ich die langen Brennweiten eher selten, aber eben doch immer mal wieder. Daher war für mich vor allem ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis ausschlaggebend. Nach entsprechender Recherche kamen zwei Objektive in die engere Auswahl: Das Canon EF-S 55-250 mm ƒ/4-5.6 IS STM, auf das ich unten bei den Alternativen nochmal zu sprechen komme, und eben das Tamron, das ich Euch hier vorstellen möchte.

TAMRON SP 70-300 mm ƒ/4-5.6 DI VC USD

Nachdem es zwischen den beiden genannten Objektiven nach übereinstimmender Meinung vieler Reviews kaum Unterschiede in der Bildqualität gibt, war für mich letztlich die längere Brennweite des Tamron entscheidend. Da mein „Immerdrauf“ bereits den Bereich bis 70 mm abdeckt, konnte ich so mit dem Tamron nahtlos daran anschließen. 300 mm an einer Canon-Kamera mit APS-C Sensor liefern den gleichen Bildausschnitt wie 480 mm an einer Vollformat-Kamera. Damit kommt man, buchstäblich, ziemlich weit. Das war mir dann auch den höheren Preis im Vergleich zum Canon 55-250 wert. Neu kostet das Tamron aktuell (April 2017) um die 300,- Euro. Ich habe das Objektiv bei Ebay gebraucht, aber in sehr gutem Zustand, für ca. 180,- Euro gekauft. Auf der CP+ in Yokohama wurde die Tage übrigens ein Nachfolgemodell mit leichten Verbesserungen in Sachen Autofokus und Bildstabilisator angekündigt; es ist aber noch nicht klar, wann und zu welchem Preis das hier verfügbar sein wird.

Tamron SP 70-300mm ƒ/4-5,6 Di VC USD
Tamron SP 70-300 mm ƒ/4-5.6 Di VC USD

AUSSTATTUNG

Maßgeblich für die Charakterisierung des Objektivs sind die drei Abkürzungen am Ende der vollen Bezeichnung: „Di VC USD“. „Di“ besagt, dass es sich um ein Objektiv für Vollformat-Kameras handelt. Das passt natürlich auch auf APS-C Kameras; aber das bedeutet vor allem: Es ist groß! Insbesondere mit Gegenlichtblende und auf 300 mm ausgefahren erreicht es beeindruckende Ausmaße; aber auch in der Kameratasche nimmt es eine Menge Platz weg. Da überlegt man sich schon mal, ob man das wirklich mitnehmen will. Die große Gegenlichtblende gehört, genau wie die Objektivdeckel für Vorder- und Rückseite, zum Lieferumfang.

Hinter „VC“ verbirgt sich Vibration Control, so nennt Tamron seinen Bildstabilisator. Und der liefert beim 70-300 durchaus beeindruckende Ergebnisse, zumindest bei normalen Fotos. Videos habe ich mit dem Objektiv nie aufgenommen, da soll der Stabilisator jedoch zu nervösen Zuckungen neigen. Mehr dazu in den unten verlinkten Reviews. Ich habe mit dem Objektiv immer aus der Hand fotografiert und auch bei 300 mm waren nur selten verwackelte Bilder dabei.

„USD“ steht schließlich für „Ultrasonic Silent Drive“ und beschreibt den Autofokus-Motor. Der arbeitet ausreichend schnell und ist extrem leise. Generell ist der Autofokus beim Tamron 70-300 an meiner Canon 760D sehr treffsicher; nur bei 300 mm sucht er gelegentlich kurz, bis er den richtigen Punkt gefunden hat.

Schalter hat das Objektiv zwei Stück: einen für den Bildstabilisator und einen für den Autofokus. Dabei kann man auch bei aktiviertem AF jederzeit manuell in den Fokus eingreifen. Ein Reichweitenbegrenzer wie etwa beim Tamron 90 mm ƒ/2.8 Macro fehlt hier; allerdings ist die Naheinstellgrenze bei 1,5 Meter. Der Zoomring arbeitet stramm genug, dass man ihn einerseits gut bedienen kann; das Objektiv andererseits aber selbst mit Gegenlichtblende nicht von alleine ausfährt, wenn man die Kamera kopfüber trägt.

EINSATZ UND ERGEBNISSE

Ich habe das Objektiv tatsächlich in erster Linie dafür genutzt, weit entfernte Dinge zu fotografieren. Bei einem Mindestabstand von 1,5 Metern eignet es sich nur sehr bedingt für Nahaufnahmen. Es gibt allerdings Ausnahmen, wie die Beispielbilder unten zeigen. Für Portraits greife ich dann doch lieber zu einem Objektiv mit einer deutlich offeneren Blende, also dem 90 mm ƒ/2.8 oder dem 50 mm ƒ/1.8.

Das mit den weit entfernten Dingen kann das Tamron dafür richtig gut. Es ist klar, dass bei einem Zoom-Objektiv, das einen so großen Brennweitenbereich abdeckt, immer Kompromisse in der Optik eingegangen werden. Vor allem in dieser Preisklasse – schließlich kosten die Profi-Objektive in dieser Kategorie das sieben- bis achtfache. Daher mag es kaum überraschen, dass das Bild gerade bei 300 mm an einem APS-C Sensor nicht mehr gestochen scharf ist. Überraschend gut hat Tamron dafür die chromatische Aberration im Griff – die bunten Farbsäume an kontrastreichen Kanten halten sich sehr im Rahmen und lassen sich in der Nachbearbeitung leicht korrigieren.

Kurz gesagt: Mit der Bildqualität war ich durchweg immer sehr zufrieden.

Um Euch einen Eindruck zu vermitteln, hier mal ein kleiner extremer Test anhand von zwei Urlaubsfotos, aufgenommen letztes Jahr im Berchtesgadener Land. Zu sehen ist der Blick von einer Berghütte auf den rund sechs Kilometer entfernten Gipfel des Hochstaufen. Zunächst mal die Totale, fotografiert am Abend mit 90 mm Brennweite:

Alpenglühen: Hochstaufen im Abendrot
Alpenglühen: Totale des Hochstaufen im Abendrot

Am nächsten Vormittag wollte ich dann schauen, was das Tamron kann. Hier der volle Bildausschnitt, der sich von diesem Standort bei 300 mm an APS-C ergibt:

Der rund 6,5km entferne Gipfel des Hochlaufen - Voller Bildausschnitt bei 300mm
Gipfel des Hochstaufen aus rund 6 km Entfernung – Voller Bildausschnitt bei 300 mm

Die 760D hat einen 24 Megapixel Sensor, liefert also Bilder in der Größe 6.000 x 4.000 Pixel. Ich habe die Anzeige auf 100% gezoomt und dann Bereich in der Mitte um das Gipfelkreuz herausgeschnitten. Das Kreuz ist rund vier bis fünf Meter groß. Wären zur Zeit der Aufnahme Bergsteiger am Gipfel gewesen, hätte man sie deutlich sehen können. Sehr gut zu erkennen ist die goldene Verzierung am Kreuz; zum Vergleich gibt es eine Nahaufnahme des Gipfelkreuzes auf der Homepage von Klaus Isbaner.

Der rund 6,5km entferne Gipfel des Hochlaufen - 100% Vergrößerung aus der Bildmitte
Gipfel des Hochstaufen aus rund 6 km Entfernung – 100% Vergrößerung aus der Bildmitte

Vermutlich hätte man an einem sonnigen Tag (kürzere Verschlusszeit) und mit Stativ noch etwas mehr an Schärfe herausholen können. Aber wer hat schon immer perfekte Bedingungen beim Fotografieren? So liefern die Bilder einen, wie ich finde, repräsentativen Eindruck was das Objektiv zu leisten vermag. Weitere „alltagsnahe“ Beispielbilder findet Ihr unten am Ende des Beitrags.

ALTERNATIVEN

Wie eingangs schon erwähnt, ist der Hauptkonkurrent für das Tamron 70-300 mm, zumindest wenn man wie ich eine Canon-Kamera mit APS-C Sensor besitzt, dass Canon EF-S 55-250 mm IS STM. Da es speziell für die kleineren Kameras konstruiert ist, kann es auch um einiges kompakter sein. Zum Vergleich: Das Tamron hat die Maße (Durchmesser x Länge) 8,1 x 14,3 cm und wiegt 767 Gramm. Beim Canon sind es 7 x 11 cm, und es wiegt mit 375 Gramm gerade mal die Hälfte. Der Unterschied beim Packmaß liest sich nicht sonderlich beeindruckend, macht sich in der Praxis aber deutlich bemerkbar. Das Canon liegt beim Neupreis bei rund 180,- Euro; das Tamron bei 300,- Euro (April 2017). Von der Bildqualität her liegen beide Objektive auf einem Niveau.

Inzwischen habe ich mich dazu entschieden, mir ein klassisches 70-200 mm Objektiv mit durchgehender Blende ƒ/2.8 zuzulegen. Die größere Blende bietet deutlich mehr Spielraum bei schlechten Lichtverhältnissen (abends oder in Innenräumen), für kurze Verschlusszeiten bei Action-Fotos oder für unscharfe Hintergründe bei Portraits. Auch da gibt es verschiedene Objektive zur Auswahl, die aber alles eines gemeinsam haben: sie sind nochmal deutlich größer und schwerer als das Tamrom. Ein 70-200 ƒ/2.8 ist also sicher kein Objektiv zum immer dabeihaben; das werde ich nur ganz gezielt mitnehmen. Umso wichtiger ist es, eine leicht zu transportierende Alternative zu haben. Daher werde ich beim „Alltags-Tele“ jetzt vom Tamron auf das Canon umsteigen. Denn was nutzt einem ein Teleobjektiv, wenn man es nicht mitnimmt, weil es zu unhandlich ist?


FAZIT

Empfehlung: Das Tamron bietet für seinen Preis eine sehr gute Bildqualität und einen leistungsstarken Bildstabilisator. Wenn Ihr sowohl eine APS-C- als auch eine Vollformat-Kamera habt, oder in absehbarer Zeit umsteigen wollt, dann ist das Tamron der perfekte Allrounder, der Euch sicher eine Menge Spaß bringen wird. Wenn Ihr ausschließlich mit APS-C fotografiert und auf die letzten 50 mm Brennweite nicht zwingend angewiesen seid, dann rate ich Euch wegen des kleineren Packmaßes und des günstigeren Preises zum Canon EF-S 55-250 mm ƒ/4-5.6 IS STM. Von der gebotenen Leistung her sind beide Objektive ebenbürtig.

Was ich gelernt habe: Zum einen steigen mit der Zeit die Ansprüche – daher das angestrebte Upgrade in Richtung 70-200 mm ƒ/2.8. Zum anderen habe ich gemerkt, dass das Tamron aufgrund seiner Ausmaße auf Dauer doch etwas unpraktisch ist – es passt kaum in meine Kameratasche. Daher werde ich nun zum ersten Mal ein Objektiv wieder verkaufen. So oder so möchte ich in meiner Ausrüstung auf ein Teleobjektiv auf keinen Fall verzichten.


LINKS

Bildnachweis: alle Bilder eigene Aufnahmen.


BEISPIELBILDER:

Welpe in Aktion
Welpe in Aktion – aus ausreichender Entfernung aufgenommen, hat der Hund genügen Platz um ungestört zu spielen. Im Gras sieht man sehr schön der Verlauf der Tiefenschärfe.

 

Kurze Spielpause
Kurze Spielpause – Die längeren Brennweiten eignen sich auch hervorragend für Portraits. Der Hund saß direkt am Feldrand, zudem ist bei 180 mm die maximale Blende nur noch ƒ/5.0;  daher ist der Hintergrund nicht komplett unscharf.

Die folgenden Beispielbilder sind aus dem Beitrag „Im Brennpunkt: der Perspektivenwechsel„:

Apfelblüte in der Morgensonne
Apfelblüte in der Morgensonne. Brennweite und Blende helfen hier, die Blüten im Vordergrund herauszustellen und gleichzeitig durch die unscharfen Blüten im Hintergrund zu zeigen, dass es nur ein Ast eines blühenden Baumes ist.

 

Fächer-Ahorn im Herbst
Fächer-Ahorn im Herbst. Wieder helfen das Teleobjektiv bei 300 mm und Blende ƒ/5,6, die Details nah heranzuholen und gleichzeitig die Bäume in Hintergrund zu einer gleichmäßigen gelben Fläche werden zu lassen.

 

Kirschblüten
Kirschblüten. Mit dem Teleobjektiv auf 300 mm kann man sich die Blüten von Nachbars Kirschbaum ganz nah heranholen. Bei Blende ƒ/5,6 werden die Bäume im Hintergrund unscharf genug, um nicht abzulenken.

Im Brennpunkt: der Perspektivenwechsel

Mit verschiedenen Brennweiten durch die Natur

Das kleine Detail oder das große Ganze: Fotografisch lässt sich die Natur aus vielen verschiedenen Perspektiven einfangen. Vor allem der Frühling und der Herbst mit ihrer Blüten- und Farbenpracht und den schönen Lichtstimmungen morgens und abends laden dazu ein, sich die Kamera zu schnappen und raus zu gehen. Egal, ob im eigenen Garten, in der Straße vor dem Haus oder im nächsten Wald – Motive finden sich in Hülle und Fülle.

EIN MOTIV – VERSCHIEDENE PERSPEKTIVEN

Der Vorteil, den eine Kamera mit wechselbaren Objektiven bietet, liegt in der großen Bandbreite an Brennweiten, die einem dadurch zur Verfügung stehen. Bei meiner Canon 760D reicht das inzwischen vom 8 mm Fischauge bis zum 300 mm Teleobjektiv – umgerechnet auf Vollformat entspricht das in etwa 15-480 mm.

Das bietet einen großen gestalterischen Spielraum. Der Klassiker sind natürlich Nahaufnahmen einzelner Blüten, farbiger Blätter und anderer Details. Hier greift Ihr zu einer mittleren bis langen Brennweite, um das Motiv groß ins Bild zu bekommen. Oder Ihr nehmt  gleich ein Makro-Objektiv, wie zum Beispiel das Tamrom 90mm ƒ/2.8 Macro. In dem Bericht dazu findet Ihr auch eine Reihe von Beispielfotos; daher habe ich das Thema Makros hier mal außen vor gelassen.

Magnolienblüte
Magnolienblüte. Hier ging es darum, eine einzelne Blüte zu fotografieren. Die Blende ist auf ƒ/8 eingestellt, um möglichst viel von der Blüte scharf abzubilden.

Ihr könnt aber auch an das andere Ende des Spektrums gehen und eine möglichst kurze Brennweite nutzen, also ein Ultra-Weitwinkel oder gar ein Fischauge. Auch damit könnt Ihr ein einzelnes Objekt groß im Vordergrund abbilden. Der Unterschied zur langen Brennweite ist hier, dass durch den großen Blickwinkel sehr viel vom Hintergrund mit ins Bild kommt und dieser zudem auch nicht so stark verschwimmt. Dadurch wird das Motiv im Kontext seiner Umgebung gezeigt; also nicht nur „einzelne Blüte“, sondern „Blüte am blühenden Baum“. Die beiden Bilder von unserer Magnolie zeigen den Unterschied sehr deutlich.

Magnolie in voller Blüte
Magnolie in voller Blüte. Hier geht es weniger um die einzelne Blüte als darum, den kompletten Baum mit all seiner Blütenpracht zu zeigen. Die Verzerrung durch das Fischauge ist in der oberen Bildhälfte deutlich sichtbar, stört in diesem Fall aber nicht. Durch die kurze Brennweite und Blende ƒ/11 ist praktisch das gesamte Bild scharf.

Ich möchte Euch hier ein paar Gestaltungsbeispiele für die verschiedenen Brennweiten geben, denn: Blumenfoto ist nicht gleich Blumenfoto!

FISCHAUGE & ULTRA-WEITWINKEL

In diesem Bereich habe ich zwei Objektive: Das Samyang 8 mm ƒ/3.5 Fisheye und das Tokina 11-20 mm ƒ/2.8 Ultra-Weitwinkel. Beide bieten einen großen Blickwinkel, so dass Ihr eine Menge mit aufs Bild bekommt. Die kurze Brennweite bedeutet aber auch, dass weiter entfernte Objekte im Bild scheinbar sehr weit weg geschoben werden. Ohne interessanten Vordergrund wirkt ein Bild daher schnell leer und langweilig. Auch der Hintergrund muss mit bedacht werden. Bei so kurzen Brennweiten ist es selbst mit weit offener Blende kaum möglich, den Hintergrund wirklich unscharf zu bekommen, außer man geht mit der Kamera sehr nah ans Motiv. Selbst dann wird der Hintergrund erkennbar bleiben – vor allem beim Fischauge. Jedoch könnt Ihr genau das auch gezielt einsetzen.

Rose im Garten
Rose im Garten. Hier war das Motiv ganz bewusst nicht „Rose“, sondern „Rose in unserem Garten“. Durch die Motivwahl fällt die starke Verzerrung durch das Fischaugen-Objektiv kaum auf.

Hier mal zwei Beispiele dafür: Die Rose oben wurde mit dem Fischauge aufgenommen und die kleine Blüte unten mit dem Tokina. In beiden Fällen wird klar, was das Motiv des Bildes ist; gleichzeitig bleibt zu erkennen, wo sich dieses befindet. Das Tokina ermöglicht es mit seiner sehr großen Offenblende und bei dem kurzen Motivabstand sogar, den Hintergrund ein wenig verschwimmen zu lassen, so dass sich die Pflanze im Vordergrund besser abhebt. Die Rose im oberen Bild war in etwa gleich weit von der Kamera entfernt; durch die noch kürzere Brennweite und Blende ƒ/8 ist hier jedoch nahezu der gesamte Garten samt Haus im Fokus.

Kleine Blüte im Gebüsch
Kleine Blüte im Gebüsch. Recht versteckt unter einem großen Haselnussstrauch zeigen sich diese kleinen Farbtupfer. Durch die kurze Brennweite kommt viel Hintergrund mit ins Bild; so ist leicht zu erkennen, dass das Foto in einem Garten aufgenommen wurde.

Keine Regel ohne Ausnahme: Natürlich kann man eine kurze Brennweite auch bewusst ohne etwas im Vordergrund nutzen, um die Größe und Weite eines Raumes zu betonen. So geschehen bei der Aufnahme vom Herbstwald unten, für die ich das Fischauge einfach vom Boden aus gerade nach oben gerichtet habe. Die größte Herausforderung war hier tatsächlich, mich so weit zu ducken, dass ich nicht selber auf dem Bild zu sehen bin. Ich habe ein ähnliches Foto auch mit meinem  „Immerdrauf“ Standard-Zoom Objektiv gemacht; das Ergebnis war „Baum im Herbstwald“. Mit dem Fischauge konnte ich den ganzen Herbstwald einfangen.

Herbstwald
Herbstwald. Das Fischauge mit seinem enormen Blickwinkel fängt praktisch den gesamten Wald ein und betont die Höhe der Bäume. Durch die geraden, zur Bildmitte gerichteten Linien fällt der Fischaugen-Effekt hier kaum auf.

STANDARD-ZOOM

Damit ist der „normale“ Brennweiten-Bereich gemeint, den auch die üblichen Kit-Objektive abdecken. Bei APS-C Kameras sind das in etwas 17-50 mm; am Vollformat entsprechend 24-70 mm. Zum Vergleich: Die rückseitige Kamera an Apples iPhone hat, je nach Modell und umgerechnet auf Vollformat, eine Brennweite von 25-30 mm. Das soll aber nicht heißen, dass dieser „Standard“-Bereich langweilig ist – im Gegenteil. Je nachdem ob man einen ganzen Baum, eine Pflanze oder nur einige Blätter ins Bild nimmt, ergeben sich große Gestaltungsspielräume.

Bunter Ahornbaum
Bunter Ahornbaum. Hier sollte der ganze Baum ins Bild, um zu zeigen, dass alle Herbstfarben in ein und demselben Baum auftauchen. Dafür braucht es einen Standard-Weitwinkel; Blende ƒ/8 dient dazu, den Baum durchgehend scharf darzustellen.

Es lohnt sich also, mit Zoom, Blende und Abstand zum Motiv zu spielen; auch oder gerade mit dem Kit-Objektiv. Wichtigster Tipp in diesem Zusammenhang: Perspektive wechseln! Die üblichen Schnappschüsse aus Augenhöhe werden schnell langweilig. Daher, wenn Ihr draußen unterwegs seid: Schaut auch einfach mal direkt nach oben – was ist über Euch? Kniet Euch mal hin und fotografiert den kleinen Pilz, der sich durchs Laub ins Streiflicht der Abendsonne reckt…

Pilz im Wald
Pilz im Wald. Die kurze Brennweite zeigt den Pilz in seiner Umgebung; die offene Blende stellt ihn als Hauptmotive heraus.

Zu den „must have“ Objektiven jedes Fotografen mit einer Spiegelreflex- oder Systemkamera gehört eigentlich das 50 mm ƒ/1.8 –  und zwar aus einem Grund: Preis-Leistungs-Verhältnis. Praktisch jeder Kamerahersteller hat so eines für wenig Geld im Angebot; in der Regel kostet es um die 100,- €. Es ist klein, leicht und vielseitig einsetzbar, was ihm den Beinamen „nifty fifty“ eingebracht hat. An einer Vollformat-Kamera ist es eine Standard-Brennweite, die in etwa dem Blickwinkel des menschlichen Auges entspricht und daher als sehr natürlich wahrgenommen wird. An einer APS-C Kamera entspricht es mit umgerechnet rund 80 mm schon einem leichten Tele-Objektiv.

Das herausragende Merkmal ist jedoch die Offenblende von ƒ/1.8. Die meisten Kit-Objektive haben bei 50 mm eine maximale Blende von ƒ/4 oder ƒ/4,5; das sind 2-3 Blendenstufen Unterschied. Das heißt, dass das „nifty fifty“ nicht nur sehr viel mehr Licht einfängt, sondern auch eine deutlich geringere Tiefenschärfe bietet. Das macht es zu einem beliebten Allround-Objektiv, das auch gerne für Portraits genutzt wird. Warum also nicht mal Portraits von prächtig bunten Pflanzen machen?

Ahornbäume im Herbst
Ahornbäume im Herbst. Bei 50 mm kann man nicht nur ein einzelnes Blatt, sondern einen ganzen Ast im Bild zeigen. Bei Blende ƒ/1,8 kann man ihn dennoch deutlich vom Hintergrund absetzen.
Ahornblätter im Herbst
Ahornblätter im Herbst. Die geringe Tiefenschärfe hilft, den Blick auf die Blätter in der Bildmitte zu lenken.

TELE-ZOOM

In den Bereich der Teleobjektive fällt eigentlich alles ab einer Brennweite von 70 mm aufwärts. Dabei sind im Wesentlichen zwei Klassen von Objektiven zu unterscheiden: einerseits die Tele-Zooms, wie etwa mein Tamron 70-300 mm ƒ/4-5.6, und andererseits Festbrennweiten, insbesondere Makro-Objektive, im Bereich 90-150 mm. Der Hauptunterschied ist, wie nah Ihr mit dem Objektiv an Euer Motiv herangehen könnt. Bei dem zuvor genannten 70-300 mm Zoom-Objektiv ist die kürzeste Entfernung, auf die man noch scharf stellen kann, 1,5 Meter. Beim 90mm Makro-Objektiv sind es 30 Zentimeter!

Das hat natürlich einen großen Einfluss auf die Möglichkeiten, die sich einem zur Bildgestaltung bieten. Dabei gilt: Mit einem Makro-Objektiv kann man nicht nur Makros machen, und mit einem Tele-Objektiv muss man nicht immer weit entfernte Dinge fotografieren. Ihr merkt schon, es geht wieder um das Thema Perspektive.

Blume im Garten
Blume im Garten. Durch die geringe Tiefenschärfe bei 90mm ist trotz Blende ƒ/8 der Boden bereits unscharf.

Bei langen Hecken oder Sträuchern bietet sich zum Beispiel ein „Streifschuss“ an, wie unten gezeigt. Hier kann man die Details der Blüten und Blätter einerseits und die Ausdehnung der Hecke andererseits in einem Bild sehen. In einem frontal aufgenommenen Foto ginge, je nach Abstand, nur eines von beiden. Das funktioniert gleichermaßen in der Horizontalen bei einer Blumenwiese. Kein Makro im eigentlichen Sinne, aber ich mache mir hier die offene Blende und dadurch geringe Tiefenschärfe des Makro-Objektivs zu Nutze, um nur einen schmalen Streifen des Ranunkelstrauchs scharf darzustellen.

Geringe Tiefenschärfe im Ranunkelstrauch
Geringe Tiefenschärfe im Ranunkelstrauch. Bei 90mm und Blende ƒ/2,8 ist nur ein schmaler Streifen im Fokus.

Das nachfolgende Bild habe ich mit dem Tamron 70-300 mm aufgenommen, obwohl ich es bei 92 mm genauso gut auch mit dem Makro-Objektiv hätte machen können. Aber das hatte ich in dem Moment nicht greifbar, bzw. mir war auf dem Foto-Streifzug die durch den Zoom gegebene Flexibilität wichtiger. Der Abstand zu den Blüten entsprach hier der Naheinstellgrenze (1,5 m). Letztlich ist das beste Objektiv für ein Foto immer das, was man gerade dabeihat.

Apfelblüte in der Morgensonne
Apfelblüte in der Morgensonne. Brennweite und Blende helfen hier, die Blüten groß im Vordergrund darzustellen und gleichzeitig durch die unscharfen Blüten im Hintergrund zu zeigen, dass es nur ein Ast eines blühenden Baumes ist.

Natürlich ist es die große Stärke der Teleobjektive, weit entferne Objekte nah heranzuholen. Das erlaubt einem dann eben auch, Details zu fotografieren, an die man, aus welchen Gründen auch immer, nicht näher heran kommt – wie zum Beispiel die Blüten in einer Baumkrone. Auch kann man durch den engen Blickwinkel den Hintergrund stark einschränken oder gar ganz loswerden. Das Bild vom Zierahorn zeigt einen nahezu gleichmäßig gelben Hintergrund aus Bäumen mit gelbem Laub. Wäre ich näher an die roten Blätter herangegangen und hätte eine kürzere Brennweite verwendet, würde man das Haus rechts und die Gartenhütte links mit im Bild sehen, und der Hintergrund wäre eben nicht mehr einheitlich gelb.

Fächer-Ahorn im Herbst
Fächer-Ahorn im Herbst. Wieder helfen das Teleobjektiv bei 300mm und Blende ƒ/5,6, um die Details nah heranzuholen und gleichzeitig die Bäume in Hintergrund zu einer gleichmäßigen gelben Fläche werden zu lassen.

Wie stark der Hintergrund verschwimmt, hängt nicht allein von der Brennweite und der Blende ab, sondern vor allem auch vom Verhältnis der beiden Abstände Kamera – Motiv und Motiv – Hintergrund zueinander. Die beiden Bilder von Zierahorn und Kirschblüten wurden mit denselben Einstellungen aufgenommen, und die Bäume im Hintergrund waren in beiden Fällen in etwa gleich weit entfernt. Jedoch war der Zierahorn sehr viel näher an der Kamera als die Kirschblüten, und folglich sieht man einen deutlichen Unterschied bei der Unschärfe der Hintergründe.

Kirschblüten
Kirschblüten. Mit dem Teleobjektiv auf 300 mm kann man sich die Kirschblüten aus Nachbars Garten ganz nah heranholen. Bei Blende ƒ/5,6 werden die Bäume im Hintergrund gerade unscharf genug, um nicht abzulenken.

FAZIT

Empfehlung: Nun, die Empfehlung ist in diesem Fall ziemlich offensichtlich: rausgehen und ausprobieren!

Was ich gelernt habe: Letztlich ist es egal, welche Kamera und Objektive Ihr habt – interessante Perspektiven lassen sich immer finden. Nah ran, weit weg, von oben, von unten, Weitwinkel, Tele, mal mit, mal gegen die Sonne… Es lohnt sich, einfach mal beim nächsten Spaziergang oder Hund ausführen die Kamera mitzunehmen.


LINKS

Hier noch ein paar YouTube-Videos mit weiteren Inspirationen:

Bildnachweis: alle Bilder eigene Aufnahmen.

Buchempfehlung: Tony Northrup – Stunning Digital Photography

Book Cover: Stunning Digital Photography (www.northrup.photo)

Ein umfangreiches Fotografie-Buch, das gleichzeitig Video-Tutorial und Foto-Community ist, gibt’s das? Ja, gibt’s tatsächlich. Zumindest auf Englisch: Tony Northrup spannt mit seinem Buch „Stunning Digital Photography“ (SDP) den großen Bogen von Anleitungen für Einsteiger bis hin zu Tipps für Fortgeschrittenen, und das praktisch quer durch alle Disziplinen der Fotografie.

Als ich damals angefangen habe, mich intensiver mit der Fotografie zu beschäftigen, habe ich vor allem eins gesucht: Orientierung. Welche Möglichkeiten gibt’s überhaupt? Was braucht man wofür? Wo fängt man am besten an? Nachdem ich für die Auswahl meiner Kamera und Objektive, sowie für das Thema „Milchstraße fotografieren“ YouTube als Informationsquelle entdeckt hatte, bin ich dort auch recht schnell auf die zahlreichen Videos im Kanal von Chelsea & Tony Northrup gestoßen – und dadurch auf das Buch.

SDP: EINES FÜR ALLES

Das Buch gibt es in allen möglichen Formaten: als gebundene Ausgabe oder als Ebook für alle gängigen Reader. Ich empfehle unbedingt die Ebook-Variante, denn hier sind die zahlreichen Videos mit Beispielen und Anleitungen direkt verlinkt, so dass man zwischen Lesen und Schauen hin- und herspringen kann. Das macht das Buch sehr lebendig, denn in den Videos werden die Auswirkungen verschiedener Einstellungen sehr viel anschaulicher dargestellt als dies lediglich mit ein paar Bildern im Buch möglich wäre. Gerade das macht für mich den großen Reiz aus und war letztlich ausschlaggebend für den Kauf.

Ein weiterer Vorteil hier ist, dass das Buch nicht „fertig“ ist – es werden immer mal wieder Kapitel und Videos aktualisiert, oder es kommen neuen hinzu. Und hat man das Buch einmal erworben, hat man auch automatisch Zugriff auf alle folgenden Aktualisierungen, die man dann einfach von der Homepage herunterladen kann.

BUCHAUFBAU

Das Buch beginnt mit einigen allgemeinen Kapiteln: den „Quick Tips“ für Schnelleinsteiger, gefolgt von Abschnitten zu Bildaufbau, Licht und Blitz, sowie Kamerabedienung im Allgemeinen. Hier werden viele Grundbegriffe erläutert wie etwa die Wirkung von Brennweite, Blickwinkel und Lichteinfall auf ein Bild. Ergänzend zu den allgemeinen Bedienungshinweisen bietet Tony für viele populäre Kameramodelle jeweils ca. einstündige Tutorials an, in denen ausführlich auf die Bedienung der jeweiligen Kamera und ihre Besonderheiten eingegangen wird. Der allgemeine Abschnitt wird abgeschlossen mit einem „Trouble Shooting“ Kapitel, in dem den Ursachen für unscharfe Bilder oder verfälschte Farben nachgegangen wird.

Dann folgt eine ganze Reihe von Kapiteln, die sich, aufbauend auf den zuvor geschaffenen Grundlagen, ausführlich speziellen Themen widmen: Portraits, Hochzeiten, Tiere, Landschaften, Nachtaufnahmen, HDR-Bilder, Makro-/Nahaufnahmen und schließlich Unterwasser-Fotografie. In jedem dieser Abschnitte gibt es neben einleitenden Hinweisen dann spezifische Tipps zur Planung von Fotos, Kameraeinstellungen, Ausrüstung und leicht zu vermeidenden Fehlern. In vielen Kapiteln gibt es zudem ein kleines Quiz, mit dem man einfach schauen kann, wie viel des Gelesenen und Gesehenen man bereits verinnerlicht hat.

DIE VIDEOS

Die Videos sind allesamt gut gemacht – mit zwei bis fünf Minuten haben die meisten von ihnen eine angenehme Länge; bei komplexen Themen können es auch mal zehn Minuten werden. Viele der Videos sind auf dem YouTube-Kanal frei zugänglich; es gibt aber auch etliche, an die man nur über die Links aus dem Buch kommt, so dass man hier einen echten Mehrwert hat. Ich finde das Englisch von Chelsea und Tony gut zu verstehen. Zudem haben die meisten Videos inzwischen auch Untertitel, die man zusätzlich einblenden kann.

Jedes Video betrachtet ein spezielles Thema und stellt es anschaulich dar. Das kann ein Stück Theorie sein, wie etwa die Wirkung der Blendeneinstellung auf das Foto, oder praktische Hinweise, etwa zum Fotografieren von Vögeln. Auch heute noch greife ich immer wieder gezielt auf einzelne Videos aus dem Buch zu, wenn ich etwas Bestimmtes ausprobieren oder wissen will.

FACEBOOK-GRUPPE

Wenn Ihr das Buch habt, bekommt Ihr auch Zugang zur geschlossenen Facebook-Gruppe „Stunning Digital Photography Readers“. Hier könnt Ihr eigene Bilder hochladen und so direkte Rückmeldungen aus dieser recht großen Community bekommen. Die Erfahrung zeigt: Je konkreter die Fragen sind, die Ihr zum eigenen Bild stellt, umso bessere Rückmeldungen erhaltet Ihr. Zudem bieten die zahlreichen Bilder anderer Fotografen Inspirationen für eigene Foto-Versuche. Auch dafür hat sich aus meiner Sicht die Investition in das Buch gelohnt.

WEITERFÜHRENDES

In „Stunning Digital Photography“ geht es in erster Linie um das Machen der Bilder. Was hier nur ansatzweise behandelt wird, ist die Nachbearbeitung. Das ist auch in Ordnung aus meiner Sicht, denn es würde zum einen den Rahmen des Buches sprengen und ist zudem stark von der verwendeten Software abhängig. Wer auf die Programme von Adobe setzt, für den haben Chelsea und Tony weitere Bücher speziell für Lightroom und Photoshop im Angebot, die ähnlich aufgebaut sind wie SDP. Auch hier sind viele, aber lange nicht alle Videos auf YouTube frei zugänglich.

Falls Euch die Erläuterungen zur Theorie des Fotografierens in SDP, egal ob z.B. Bildaufbau oder Kameratechnik, nicht weit genug gehen, oder falls Ihr schlicht neugierig geworden seid, dann schaut Euch unbedingt die Vorlesungsreihe Digitale Fotografie von Mark Levoy an.

VERGLEICHBARES AUF DEUTSCH

Etwas Vergleichbares – im Sinne von „alles aus einer Hand“ – ist mir bislang auf Deutsch noch nicht untergekommen. Natürlich gibt es auch hier ein weit gefächertes Angebot an YouTube-Videos und Büchern, zum Beispiel von Stephan WiesnerBenjamin Jaworskyj und Frank Fischer. Die einzelnen Themen sind hier ebenfalls gut aufbereitet und präsentiert; es fehlt jedoch die allumfassende Klammer, die alles miteinander verbindet. Dies ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass jeder Fotograf seine Spezialgebiete hat, die er besonders gut präsentiert und dafür andere Themen auslässt.


FAZIT

Empfehlung: Wenn für Euch Englisch kein Ausschlusskriterium ist, dann kann ich Euch „Stunning Digital Photography“ auf jeden Fall als Rundum-Paket empfehlen.

Was ich gelernt habe: Das Buch, und viel mehr noch die darin enthaltenen Videos, haben mir einen sehr guten Überblick sowohl über die Grundlagen als auch das ganze Spektrum der Fotografie gegeben. Gleichwohl habe ich im Vergleich mit den Anleitungen anderer Fotografen gelernt, nicht alles aus dem Buch und den Videos ungeprüft zu übernehmen, sondern Dinge auch zu hinterfragen und die für mich passenden Anregungen zu übernehmen. Um es mit Stephan Wiesner zu sagen: nicht glauben, ausprobieren!


LINKS

Titelbild: Buchtitel; Quelle: http://northrup.photo/

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